Viele sind zornig geworden. Sie haben Angst vor dem Verlust ihrer Arbeitsplätze und vielleicht noch mehr vor schwindender Wertschätzung. Sie sehen mit Sorge dem Auslagern ihrer angestammten Arbeit nach Asien zu und werden genau damit in Schach gehalten, wenn sie Lohnerhöhungen notwendig finden. Sie argwöhnen in Flüchtlingen zusätzliche Konkurrenten, sie sehen sich sehr deutlich mit Altersarmut konfrontiert und werden durch die öffentliche Diskussion rund um Digitalisierung und Roboter immer stärker beunruhigt. Alle diffusen, falschen und richtigen, faktischen und fantasierten Bedrohungen zusammengenommen: Es fehlt ihnen eine klare Perspektive für ein Leben ohne Angst, ohne drohende Deprivation und ohne Versuche, sie zu hartzvierzuteilen oder zu marginalisieren – wie man heute so sagt („an den Rand drängen“).

Eine solche Perspektive gibt es anscheinend nicht, sie wird jedenfalls nicht gegeben, weil unsere Politik und die Führung im Ganzen keine Lieferanstrengung zeigt und weil wir deswegen allesamt (in Worten: allesamt) verdrossen sind. Die Nichtbenachteiligten unter uns können mit dieser Verdrossenheit leben – das sind alle die auf der guten oberen Seite der sich öffnenden Schere. Diejenigen aber, die auf der falschen Seite der sich öffnenden Schere leben und sich schon irgendwie abgeschnitten fühlen, werden immer zorniger.

Wo sich die Welt für die Einen noch ganz gut weiterdreht, regt sich in den Anderen Empörung und Wut. Die Bessergestellten bemerken diesen Zorn. Sie sind ja nicht unverständig und durchdenken die prekäre Situation vieler Mitbürger recht gut, sie liebäugeln schon öffentlich mit dem bedingungslosen Grundeinkommen und zählen all ihre Euro nach, die dafür notwendig wären. Sie sind für Lösungen offen. Sie würden ja helfen und sie helfen ja auch – wird das denn nicht gewürdigt?

Die Nichtbenachteiligten sind also bereit, sich ein bisschen nebenbei an Lösungen zu beteiligen, so, wie sie zu Weihnachten so einiges für gute Zwecke spenden. Die wohltätigen Spenden stopfen allerdings immer nur Löcher und geben keine Perspektive! In dieser Situation fühlen sich die einen wie konstruktive Menschen PuTTY manual , wogegen den anderen schon der Kragen platzt.

Dann äußert sich plötzlich entfesselte Wut. Wenn das in der Familie passiert, reagieren wir mit Gegenzorn. Wir hören absolut nicht auf die Gründe des Wütigen, wir fordern ihn sehr energisch auf, seine verletzende Art auf der Stelle zu beenden. Wir finden das Wüten schlimmer als es der Auslöser der Wut je sein kann. Wir wollen den Grund der Wut nicht hören, ehe sich der Zorn gelegt hat. Wir sagen: „Benimm dich zuerst – und erst dann äußere deine Kritik ganz sachlich und ohne kränkende Emotion.“ Wir halten Kritik, die wütend geäußert wurde, oft sogar pauschal für illegitim – ohne Sachprüfung! Der Wütende soll zum Arzt. Ausrastende Mitarbeiter in Betrieben, die verbal um sich schießen, bekommen ohne Prüfung des Anlasses erst einmal schlechte Zeugnisse und womöglich Entlassungspapiere. Es geht zunächst immer um das Unterdrücken negativer Emotionen, meist mit Gegengewalt. Erste Hilfe bei Blut: Revolten werden unterdrückt.

Auf der einen Seite haben wir den subjektiv alternativlosen Zorn der sich benachteiligt fühlenden, auf der anderen Seite die, die Zorn absolut und total ablehnen und darüber selbst wütend werden. Minister Gabriel sagte „Pack!“ zu zornigen. So aber flammt der Zorn erst richtig auf und der Gegenzorn eskaliert. Der Zorn hat sehr oft subjektiv gefühlte mangelnde Wertschätzung zur Ursache, das ist so in der Familie, im Unternehmen und in der ganzen Welt. „They should really care about us!“, schreien die subjektiv Benachteiligten aus dem heißen Körper, aber die subjektiv Nichtbenachteiligten geben ihnen „Objektiv-nicht-so-schlimm“- und „Ein-bisschen bist-du-selbst-schuld“-Erklärungen aus dem kühlen Hirn. Dann brennt die Hütte. Immer.

Die Wütenden haben die Wut im Herzen und im Bauch, die zittert in ihrem Körper. Die anderen arbeiten nur mit ihrem erschrockenen Gehirn, das Wut anderer als Gräuel empfindet und das den Wütenden als Menschen verabscheut und ihn mindestens in diesem Zustand absolut nicht wertschätzt. Es ist nun kalter verabscheuender und gar verächtlicher Gegenzorn, der auf den heißen Zorn gegossen wird, um den letzteren zu löschen. Nur den Zorn löschen!

Warum nicht zuhören? Das empfehlen die Idealisten immer, nur nicht hier. Warum die Wertschätzung entziehen? Davor warnen die Idealisten immer, nur nicht hier. Warum nicht bedingungslose Wertschätzung? Die Idealisten wollen aber nur bedingungsloses Grundeinkommen, aber natürlich nur gegen Ruhe an der Zornfront bitte, also nicht ohne Bedingung.

Ich will sagen: Im kalten verabscheuenden Gegenzorn verraten die Idealisten ihre Prinzipien, um Erfolg zu haben.

Nun aber: Haben die Idealisten in „ihrem gerechten Kriegsmodus“ Erfolg? Sie haben durch den Gegenzorn den Zorn der Briten auf dem Lande gesteigert und der destruktiven Brexitbewegung den wichtigen äußeren Feind geliefert, den eine wütende Masse für ihre Einigkeit braucht. Sie haben durch die tägliche Trumpempörung das Tagesgeschehen nur um Zorn und Gegenzorn drehen lassen und die Feinde des Washingtoner Establishments (früher aus Sicht der Mittelwestfarm die „weiß gepuderten Perückenköpfe“) gestärkt. Es ging nur um Zorn und Gegenzorn im US-Wahlkampf und überhaupt nicht um die Zukunft des Landes.

Erkenntnis: Der Gegenzorn liefert dem Zorn den äußeren Feind Find phone , der den Zorn einigt, fokussiert und siegen lässt.

Hat die Welt davon gelernt? Haben wir uns nicht fast alle über die Gewinner des Zorns gewundert? Wie war das möglich? Was lief schief? Was lässt sich besser machen?

Leute: Philosophen und Psychologen warnen immer davor, immer das Gleiche zu tun und dabei jedes Mal ein anderes Ergebnis erzielen zu hoffen. Können wir nicht lernen? Wenn Zorn aus einem Gefühl des Verlassenseins, des Liebensentzugs und aus Mangel an Wertschätzung entsteht, warum gehen wir nicht an die Ursachen? Warum erkennen wir nicht, dass Gegenzorn den Zorn nicht löscht, sondern nur unterdrückt? Warum sehen wir nicht, dass noch schwelt, was nicht mehr lodert? Ist die idealistische Verantwortung bloß darauf aus, Ruhe einkehren zu lassen und dann wieder aufzuatmen?

Wenn die Idealisten theoretisch bedingungslose Wertschätzung predigen und damit in geradester Linie Jesus Christus folgen, warum ziehen sie dann doch in den Krieg des Gegenzorns?

Diese Frage habe ich hier lokal einmal diskutiert. Ich fragte sie, was sie denn wirklich wollen. Wollen sie einen Erfolg? Ja oder Nein? Bringt Gegenzorn einen objektiven Erfolg für die bessere Welt? Oder kämpfen sie nur deshalb mit Gegenzorn, weil sie sich hilflos vor dem Zorn fühlen, weil der sie kränkt, und weil sie doch auf jeden Fall irgendetwas – ja irgendetwas – tun müssen, weil das ihre innere Stimme kategorisch verlangt? Dürfen innere Unruhegefühle, Abscheu und Trauer einen Gegenzorn diktieren, der dem Gegner Zorn zum Sieg verhilft? „Ja, was sollen wir sonst tun?“ – „Ihr könnt doch nicht schlechte Strategien verfolgen, nur weil ihr euch dann als idealistischer Mensch besser fühlt? Wo bleibt die bessere Welt, die ihr doch eigentlich höherstellt als das eigene Gutbefinden?“

Die Medien haben ihre Gegenzornniederlage zur Kenntnis genommen und werden nun genau deshalb beschuldigt, dem Zorn und Gegenzorn zu viel Raum oder eben fast allen Raum gegeben haben. „Merkel und Schulz haben sich im Duell leider kaum verletzt – wie langweilig und deshalb unpassend“ befanden die nicht so idealistischen Real-Voyeure, die das Kämpfen von Zorn und Gegenzorn goutieren gelernt haben…

Eine bessere Welt kann es im Prinzip geben: In meiner Jugend wuchs die Mittelschicht rasant, wir erkämpften auf der Straße eine 35-Stundenwoche und die Vorstellung einer Schere gab es nicht. Aber dazu braucht man echte nachhaltige Solidarität über jede Gegendemo hinaus (damals gab es z.B. auch noch solidarische Gewerkschaften im engeren Sinne) – und ganz gewiss ist Gegenzornklicken im Netz kein goldener Weg. Auf jeden Fall gibt heute viel zu viele Slacktivisten, Clicktivisten und Flaggtivisten (US-Wortschöpfungen zu diesem Thema). „Klick Gegenzorn und du hast das Gefühl, ein guter Mensch zu sein.“ Diese bloßen Mitklicker und Mitschimpfer verdünnen das Ideale sehr.

Ganz real: Wenn Gegenzorn nicht funktioniert, muss daraus gelernt werden. Wie wäre es mit einer bedingungslosen Wertschätzung als Plattform für das Schereschließen?

 

Wir würde uns wie immer freuen wenn Ihr uns auf info@sorrelling.comschreiben würdet was eure Meinung zu dem Thema ist und wie Ihr mit dem Zorn umgeht.

MFG Andreas K.