Wir reden nun schon einige Jahre lang über Arbeit 4.0, den Menschen 4.0, über New Work und neue Bildung. Es passiert nichts.

Das Mikado-Spiel fiel mir dazu ein. Wer etwas vom System wegnimmt, bringt ziemlich viel zum Einsturz. Da will niemand einen Finger rühren. Insbesondere möchte man keinen Mikadostab aus der Mitte herausziehen, das war noch nie gut. So etwas ist für Ministerialbeamte ganz undenkbar, natürlich auch für so ziemlich alle anderen auch (die aber rein gar nichts ändern können und sich das „radikale Denken“ zum Schmuck leisten).

Es wird ja immer gefordert – und das ist komplett „easy“: Informatik, das Programmieren oder die Medienkunde sollten Schulfach werden. Nicht einmal hier gibt es irgendeine Einigkeit im engeren Kreis. Da aber die Schüler heute schon über 30 Wochenstunden Schulunterricht haben und dann ja noch Hausaufgaben machen sollen, sind sie jetzt schon in einem Maße belastet, bei dem im Unternehmen die Polizei und das Gewerbeaufsichtsamt kämen. Wer also ein neues Fach fordert PuTTY Quick launch , muss doch einmal verraten können, was denn gestrichen werden soll.

„Latein!“, sagen viele. Ich fand damals ein halbes Jahr „mittelhochdeutsch“ sehr befremdlich. Aus heutiger Sicht: Gutes Schreiben von Mails würde geholfen haben. Ich habe in der letzten Woche bei einer Bildungsveranstaltung eingeworfen, dass Fächer wie Erdkunde neu gesehen werden könnten, weil die Kinder viele Länder schon im Urlaub gesehen hätten. Biologie kann heute auf YouTube für alles zurückgreifen, Stoffsammlungen für Erörterungen gelingen spielend und gedankensparend beim Surfen.

Ich wäre gerne noch weiter gegangen, dass Medizin, Kommunikation, Jura, Wirtschaft und Psychologie gar nicht in der Schule vorkämen – was machen wir damit? Warum reden alle vom Programmieren, wenn wir doch im Kommunikationssumpf leben, sich psychische Beschwerden und Krankheiten epidemisch ausbreiten und viele in Armut geraten, weil sie nicht richtig wirtschaften? Warum lernen wir Integralrechnung und Vektorprodukte, die nur für physikartige Studiengänge je später gebraucht werden? Warum nicht Statistik, die wir im Berufsleben dann allesamt nicht beherrschen und deshalb schlecht entscheiden?

Wie wäre es, wir denken einmal GANZ neu darüber nach, was Bildung ist? Das müssen wir wohl langsam, weil sich die Welt verändert. Aber dann schreit jeder Fachlehrer, dass er am wichtigsten ist. Heute „unterdrückte“ Fachlehrer werden die Diskussion dafür nutzen, die Rückkehr zu schönen Künsten und zur reinen Bildung zu fordern, andere warnen davor, das Digitale allzu ernst zu nehmen und fürchten sich vor der digitalen Demenz, der viele Politiker schon twitternd verfallen scheinen. Und Sport (ganz klar!) muss natürlich gefördert werden, weil unter den Menschen der Bewegungsmangel grassiert. Dazu kommt: „Ich bin Lehrer für Latein und Religion. Wenn das alles wegfällt? Was wird aus mir?“ – Das wird in der „freien Wirtschaft“ mit „lern gefälligst ein anderes Fach“ beantwortet – jetzt werden ja sogar Handwerker von der Straße geholt und in ein paar Wochen zum Lehrer umgeschult, aber Beamte werden da wohl geschont werden müssen. Sie dienen per definitionem dem Staate, das heißt, man kann ihnen nichts tun.

Wenn man sich so in die ärgerlichen Feinheiten hineindenkt, Stab für Stab beim Mikado, dann wird einem Angst und Bange. Es könnte ja zuerst eine Art neues Bildungsideal geben, was als Richtlinie dienen könnte. Können wir uns dazu aufraffen? Wie hat es Deutschland eigentlich geschafft, das derzeitige System zu definieren? Wie konnte es geschehen, dass vor 50 Jahren beschlossen wurde, dass zig Unis gebaut wurden? Dass die Abiturquote von 7 auf >50 Prozent steigen sollte?

Geht heute nichts? Ich denke wehmütig an Wilhelm von Humboldt. Ich ärgere Sie einmal mit den Anfangsmonaten unseres heutigen Systems, Zitat aus der Wikipedia:

„Als Humboldt am 15. Dezember 1808 mit der Berufung in das Amt konfrontiert war, zögerte er, es anzunehmen, zumal nachdem der Freiherr vom Stein auf Druck Napoleons als Staatsminister am 25. November entlassen worden war. Nun zeichnete sich ab, dass Humboldt nicht als Minister und damit nur dem König verantwortlich, sondern als Sektionschef unter Innenminister Friedrich zu Dohna- Schlobitten tätig werden sollte. Er mag gefürchtet haben, dass ihm angesichts der Bedeutung der Auf- gabe nicht genügend freie Hand bliebe zur Neuordnung des Unterrichtswesens. Das Berufungsschreiben auf den neuen Posten ließ Humboldt im Januar 1809 zwei Wochen liegen, lehnte dann halbherzig ab und bat den König, seinen diplomatischen Dienst in Rom fortsetzen zu dürfen. Das aber wurde ihm verwehrt; am 20. Februar wurde er zum Geheimen Staatsrat und Direktor der Sektion für Kultus und Unterricht im Ministerium des Inneren ernannt. Nachdem er sich schließlich in die Umstände gefügt hatte, setzte Humboldt in seiner Amtsführung in Königsberg eine erstaunliche Dynamik frei und refor- mierte, unterstützt von seinen Mitarbeitern Nicolovius, Süvern und Uhden, sowohl temporeich wie um- sichtig Lehrpläne, Lehrerausbildung und Prüfungswesen an Elementar- und Volksschulen, Gymnasien und im universitären Bereich, obwohl er das öffentliche Schulwesen aus eigener Erfahrung weder als Schüler noch als Lehrer kennengelernt hatte.“

Zitatende. Sie haben es registriert? Ernennung am 20. Februar 1809. Aber nicht als Minister, sondern tiefer, so wie Dorothee Bär etwas für das Internet tun soll, ohne ein Ministeramt wie zuvor Alexander Dobrindt auszuüben, damit sie trotzdem ähnlich erfolgreich sein kann.

Zitat aus der Wikipedia, weiter aus dem gleichen Artikel:
„Den Vorsatz, seine Stellung im Staatsrat aufwerten zu lassen, um unabhängig und gleichberechtigt unter Kabinettskollegen wirken zu können, hatte Humboldt zu keiner Zeit aufgegeben und sich Hoff- nungen gemacht, den König von den Vorstellungen des Freiherrn vom Stein überzeugen zu können. Als er erkannte, dass er damit nicht durchdringen würde, reichte er nach gut einjähriger Tätigkeit im Amt am 29. April 1810 sein Rücktrittsgesuch ein.“

Stark, oder? Nach einem einzigen Jahr Arbeit so viel Wirkung? Da trauere ich ein bisschen, weil wir uns die Welt heute viel zu kompliziert machen, indem wir uns in wichtigen Fragen heillos zerstreiten, was wir aus den Ideen der Demokratie und des Föderalismus heraus nötig finden. Dabei geht es bei der Demokratie darum, gut zu entscheiden, aber nicht Jahrzehnte lang dafür zu brauchen.

Ich fürchte, dass nichts geschieht. Wenn Deutschland in den üblichen Ranglisten weiter zurückfällt, übernehmen wir dann kritiklos das System aus Finnland oder so. So wird es in der Industrie gemacht, wenn die „Best Practise“-Berater kommen und sich mit maßstabsgetreuem Abkupfern goldene Nasen verdienen. Na gut, dann Finnland.

Ich möchte mit dem Artikel nur die heute Situation etwas näherbringen, wie weit oder auch wie kurz wir gekommen sind. Wir brauchen dringen Reformation an Schulen und Universitäten, dennoch geschieht nichts.